Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete am 24. Dezember 2001:
Händelhalle
Philharmonie und Singakademie musizierten unter Gothard Stier
Von unserer Mitarbeiterin
MANUELA SCHREIBER
Halle/MZ. Die Vorweihnachtszeit steckt voller Überraschungen, aber das Wichtigste ist wohl die Erwartung. Hinter aller Hektik steht das Warten auf das Ereignis des heiligen Abends, dem das Wunder der Weihnacht folgen soll. Wie Erwartungen mit Warten verknüpft werden, erlebten die Zuhörer und Musiker am Samstagabend, als Philharmonie und Robert-Franz-Singakademie unter Gothard Stier die Kantaten 1 bis 3 von Bachs "Weihnachtsoratorium" aufführten.
Die Händelhalle war reich gefüllt mit Zuhörern. Allein zwei Trompeter fehlten - sie steckten im Schneechaos. Doch da "Jauchzet, frohlocket" ohne das strahlende Schmettern undenkbar ist, wurde die halbstündige Pause für kleine Snacks und wohlklingendes Präludieren an der Orgel (Hansjörg Albrecht) genutzt. Die endlich eingetroffenen Musiker machten ihre Verspätung mehr als wett: Sie musizierten mit geradezu überschäumender Spielfreude, und ihre Verzierungen waren noch virtuoser und glänzender als sonst.
Den übrigen Künstlern aber schien beim Warten der Enthusiasmus
eingefroren zu sein. Wie unter Watte wirkten vor allem die ersten zwei
Kantaten. Die Tempi wurden trotz Vorwärtsstürmens vielfach nicht
gehalten. Die Dynamik verhieß eher Zurückhaltung denn Jauchzen. Die
Pauke zeigte völlig unübliche Verhaltenheit. Der Chor sang wohl
blitzsauber und mit besonderer Homogenität im Tenor. Das
Solistenquartett mit Katherina Müller (Sopran), Bogna Bartosz (Alt),
Jörg Dürmüller (Tenor) und Matthias Weichert (Bass) stand souverän in
seinen Partien: klar und gradlinig der Evangelist mit schönen
Koloraturen in der Arie, warm und mit großer Steigerung die Altistin,
die "Schließe mein Herze" zum Höhepunkt werden ließ. Nur der Bass
geriet zu deklamatorisch, was den Rezitativen gut tat, aber die Arien
etwas zerpflückte. Wohl tönten das Holz und mit Grandezza die Flöte.
Dennoch sprang der sprichwörtliche Funke nicht wie sonst und im
Selbstlauf über. Die Wiederholung des "Jauchzet"-Chors aber am Schluss
ließ die Zuhörer wissen: Bach ist gesungen, und das Wunder der
Weihnacht kann beginnen.
![]() |
Viel Beifall spendete das Publikum in der Händelhalle der Philharmonie und Robert-Franz-Singakademie. Die Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium begann mit einer halben Stunde Verspätung, weil zwei Trompeter im Schneegestöber stecken geblieben waren. |
MZ-Foto: Bettina Wiederhold
Robert-Franz-Singakademie Halle - Kritiken