Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete am 2. April 2002:
Matthäuspassion in der Marktkirche
Konzert mit schwankenden Solisten-Leistungen
Von unserem Mitarbeiter
ECKEHARD PISTRICK
Halle/MZ. Noch immer füllen zumindest zwei Passionen Johann Sebastian Bachs die Kirchen besonders zur Osterzeit. So war auch die Marktkirche am Karfreitag zu Aufführung der "Matthäuspassion" mit dem Philharmonischen Staatsorchester und der Robert-Franz-Singakademie unter Gothart Stier einschließlich der Emporen voll besetzt. Ein Grund für die enorme Popularität, die Bachs Passionen besitzen, ist sicher der Umstand, dass sie auch Spiegelbilder menschlicher Schwächen und Stärken sind. Dieser Abend sollte zeigen, wie schwierig es ist, die Emotionalität in Bachs Werken wiederzubeleben, ohne dabei den schmalen Grat zur dramatischen Überspitzung zu verlassen.
Besonders das Solistenensemble wirkte mit der statischen Altstimme von Elisabeth Graf, der zurückhaltenden, nuancenreich gestaltenden Sopranstimme von Katherina Müller und den dramatisch herausgestellten Partien der Baritone uneinheitlich besetzt. Vor allem Mario Hoff gestaltete die Christus-Partie ebenso durchdringend wie opernhaft theatralisch, was so manchen in der Musik und im Dirigat angelegten Bogen zerstörte. Als Glücksgriff erwies sich hingegen die kurzfristige Verpflichtung des strahlenden, agilen Tenors Christoph Genz, der als Evangelist zu einer optimalen Balance zwischen Belcanto und Deklamation fand.
Das Orchester bot vor allem dank hervorragender Solisten eine ansprechende Leistung. So geriet die sonst eher weniger beachtete Tenor-Arie "Geduld" mit dem unruhigen, deutlich akzentuierten Viola da Gamba-Part von Thomas Fritzsch und den perlenden Tenorkoloraturen zu einem musikalischen Höhepunkt. Auch der Chor präsentierte sich als homogenes Klangensemble. Der von Stier geforderte dramatische Impetus äußerte sich in gewaltigen Aufschwüngen, die im fortissimo auf Stichworte gipfelten.
Diese Aufführung bot neben großen Gesten aber auch Glanzlichter an ungewohnten Stellen. So gab die subtile Interpretation der Sopran-Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben" mit der durchsichtigen Holzbläser-Figuration Gelegenheit zum Nachdenken und Innehalten.
Robert-Franz-Singakademie Halle - Kritiken