Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete im März 2003:
Marktkirche
Opernhaus-Ensemble führt Brahms-Requiem auf
Von unserem Mitarbeiter
JOHANNES KILLYEN
Halle/MZ. Man tut gut daran, sich von Johannes Brahms' Requiem nicht nur dann erschüttern zu lassen, wenn Krieg, Not und Elend zu Demut mahnen, wenn also der Mensch besonders empfänglich ist für eine Wahrheit, die höher ist als die seinige.
Schrecklich strahlend
Doch wie sollte man sich je diesem Werk entziehen und der Urgewalt des
Chores, der im zweiten Teil nach leisem,
mysteriösem Beginn schrecklich strahlend einen Vers aus dem ersten
biblischen Petrusbrief singt: "Denn alles Fleisch, es
ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases
Blumen." In der fast ganz gefüllten Marktkirche ließen
Ulf Schirmer und die Ensembles des Opernhauses diese Passage
hervorbrechen, als gelte es, den Tag des Jüngsten Gerichts zu
illustrieren. Das war, und nicht zum letzten Mal an diesem
Dienstagabend, vielleicht eine Spur zu effektvoll und stand allzu
plötzlich
im Kirchenraum. Zudem nahm Ulf Schirmer einige der grandiosen Chorfugen
(vor allem "Der Gerechten Seelen" im dritten Teil)
zu rasch für die hallige Akustik und gab sie damit der
Unverständlichkeit preis.
Was gleichzeitig aber verblüffte, waren die Vorzüge seiner
Dramatisierung: Selten war der erste Chor so ausdrucksvoll und
plastisch bis in kleinste Motiv-Verästelungen hinein zu hören. Brillant
gelang der Feinschliff im letzten Satz. Und das
war eine anregende Alternative zur geradlinigen Lesart, nach der viele
Kantoren dieses Requiem angehen.
Wie in einem Händel-Oratorium hielten der Opernchor, unterstützt von
Mitgliedern der Robert-Franz-Singakademie
(Einstudierung: Helmut E. Sonne, Ulrike Stein und Gothart Stier), und
der Bariton Wolfgang Bankl im dritten Teil
Zwiesprache. Im sechsten Teil wurde dieser Dialog zum resignierten Ruf
des Volkes ("Wir haben hier keine bleibende Statt")
an einen Apostel, der verspricht: "Wir werden nicht alle entschlafen,
wir werden aber alle verwandelt werden."
Mächtig und klug
Doch so mächtig und klug Wolfgang Bankl auftrumpfte, so souverän und
engagiert Orchester und Chor sich (bis auf kleine
Schwächen in Tenor und Sopran) in Front warfen: So problematisch war im
intimen fünften Teil der Auftritt von
Anna-Katharina Behnke. Zu operndramatisch, zu stark im Vibrato und zu
unklar in der Diktion war diese großartige Sängerin
schlicht und einfach nicht die richtige Besetzung für Brahms. Am Ende
langer Beifall, an dessen Stelle auch Stille hätte stehen können. Die
geheimnisvollen Worte des siebten Teils
trugen einen hinaus in den Abend. "Selig sind die Toten, die in dem
Herren sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass
sie ruhen von der Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach."
Robert-Franz-Singakademie Halle - Kritiken