Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete am 13. April 2009:
Staatskapelle spielt Oratorium «La passione di Gesù Cristo» in Halle
Von Ute van der Sanden
Ganz Halle ist in diesen Tagen auf Händel gestimmt! Ganz Halle? Nein, am Karfreitag kam auch ein anderer Musikmeister zu verdienten Ehren: der 1814 an der Saale gestorbene Mozart-Zeitgenosse Johann Friedrich Reichardt, dessen italienischsprachige Metastasio-Passion erst in den 90er Jahren ausgegraben wurde. Drei stimmgewaltige Solisten, die Robert-Franz-Singakademie und die Staatskapelle Halle führten "La passione di Gesù Cristo" unter Leitung von Gothart Stier in der gut besuchten Moritzkirche auf.
Trotz mindernder Umstände - die Akustik ist zu opulent für das Werk, die niedrige Temperatur drückte auf die Stimmung des Instrumentariums - war dies ein für das musikalische Selbstverständnis der Stadt wichtiges Konzert. Und ein aufschlussreiches, zeigt sich doch Reichardts Vertonung merkwürdig uneins mit dem pathetischen, ja moralisierenden Duktus des Textes von Pietro Metastasio, seiner erhabenen Metaphorik und opernverwandten Dramaturgie - zumal dann, wenn man etwa die nur wenig später entstandene "Schöpfung" von Joseph Haydn zum Vergleich heranzieht.
Hörenswert ist Reichardts Passionsoratorium allemal. Jaroslav Brezina gab den Johannes mit heldentenoraler Glut; ebenso heroisch, aber mit kleiner Neigung zur Schärfe im Klang, meisterte Katherina Müller als Petrus die sängerisch ungemein herausfordernden Koloraturarien. Stephan Heinemann erfüllte mit warm timbriertem Bariton die kleine Partie des Joseph. Alle Sänger, auch die der glänzend präparierten und tadellos parierenden Singakademie, widmeten sich der hochemotionalen Schilderung des Passionsgeschehens mit großer Innigkeit. Sie zelebrierten tiefe Trauer um das Schicksal des gekreuzigten Jesu, selbstquälerische Anklage und die Lobpreisung göttlicher Allmacht.
Unter der umsichtigen, von gestalterischem Ehrgeiz stimulierten Leitung Gothart Stiers blieben hinsichtlich der Dramatik keine Wünsche offen, in puncto Klangtransparenz und Elastizität des Tonfalls, vorrangig in den Fortepassagen, sehr wohl. Rauschender Beifall in der katholischen Moritzkirche - trotz Karfreitag.
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Bild: Prof. Dr. R. Krause-Rehberg
Robert-Franz-Singakademie Halle - Kritiken